Die Frage kommt ja doch immer wieder auf...

Was für einen Sinn hat das alles?

Diese Frage. Diese unerbittlich donnernde Frage, die uns unser ganzes Studium erschlägt, keine Antwort hergibt, und uns als verdaute seelenlose Körper in die Arbeitswelt hinausspuckt. Wenn wir denn überhaupt Donner schlucken und verdauen können. Wieder einmal ist es soweit, sich dem Existieren mutig zu stellen.

Ich habe die Universität und die Stadt gewechselt. Es gibt Leute, die machen das ständig. Oder es erscheint zumindest so, dass es ihnen leicht fällt, obwohl dahinter tief und verwirrend, sogar beunruhigend ein dunkles Netz gespannt sein kann. Für mich heißt es, ein zweites Mal im großen Stil umzuziehen, und zum ersten Mal in ein bereits etabliertes soziales Gefüge einzudringen und meinen Platz zu suchen. Ganz recht, ein Uniwechsel ist wie in eine Art Alternativuniversum zu springen, wo es um dasselbe Studium geht, und es sich doch in vielen kleinen unsettling details unterscheidet. Rechts dreht sich nach links, Blau ist das neue Rot, keiner wundert sich mehr über das studentisch eigentlich untypische Tragen eines Jacketts. Erst einmal definiere ich mich als Fremder, gleich einem Flüchtling (aus dem Schwabenexil). Ich studiere Zahnmedizin, und mit der Entscheidung im Leben, dieses Studium durchzuziehen, begebe ich mich in den langersehnten Kurs, in dem ich meine ersten eigenen Patienten organisiere und selbstständig behandle. Jeder neue Partient ist ein kleines Stück Hoffnung, für mein Mindestprogramm etwas zu finden, und ein Stück Abenteuer, weil es eben das Abspulen eines David Lynch-Films in den oralen Raum ist. Was werde ich dort finden im Biotop Mundhöhle?
"Das könnte ich nicht", ist für einen Studenten der Zahn/ Humanmedizin eine oft entgegnete Aussage von anderen, denen allein die Vorstellung graust, im oder am Körper anderer Menschen etwas aktiv zu verändern und damit dem Schrecken des (kranken) Körperlichen zu begegnen. Es ist die dunkle Seite. So einen gewissen Gore- beziehungsweise Deformed Body-Fetisch muss man wohl schon irgendwo horten als einer der unseren. Dass jeder Eingriff per definitionem eine nötige Körperverletzung ist und damit, egal wie, auch ein gewisses Übermaß an Adrenalin und Stress fördert, sollte daher klar nachzuvollziehen sein. So fallen wir alle reihenweise wie sterbende Fliegen jeden Abend in die Komfortzone unseres Betts, um am nächsten Morgen erneut der Gewalttätigkeit des Alltags zu begegnen.

Vor kurzem beobachtete ich in der Metro, wie eine Mücke mit nur vier statt sechs Gliedern sich am Fenster zu halten versuchte. Bomben, Terroristen, Naturkatastrophen -  schon für uns ist es extrem gefährlich in dieser Welt. Wie roh und brutal muss sie dann einer Mücke erscheinen, die gefühlt das abermillionenfache kleiner ist als mein träger Körper? Doch das Sinnbild dieses entstellten Geschöpfs trifft auch auf uns zu: In seinen 20er Jahren wird jedem schon eines oder mehrere seiner Glieder ausgerissen worden sein. Wir hangeln uns dann entschlossen, oder auch nicht, an einer so rutschigen Oberfläche wie Glas.

Mein Leben besteht gerade aus Behandeln, dazwischen ein wenig Studieren, abends Gammeln, und sich einfach nur auf THE FORCE AWAKENS freuen. Das Gammeln kommt von dieser trostlosen Müdigkeit. Und weil ich so ungeduldig bin, darauf zu warten, dass sich irgendwas plötzlich wie aus dem Nichts ergibt, gehe ich auch nicht früh schlafen. Also wache ich mit Augenringen wieder auf, sodass sich das Ganze immer weiter zuspitzt. Es ist ein Balanceakt, und ich wanke schlimm. Denn es fehlt eine konkrete Vorstellung von der Zukunft, das Ideal, die Utopie. Ein Status Quo errichtet sich, und schon jetzt krepier ich seelisch daran. Woran soll ich mich halten?

In Polen ist das Poblem der jungen Generation noch verstärkter. Zu groß war der Sprung innerhalb der Generation unserer Eltern, die nichts hatte (im Sozialismus), zu der Generation, die alles hat und mehr. Die meisten stellen es sich so vor: mit einer großartigen Idee ein erfolgreiches Startup schaffen und so mit möglichst wenig Aufwand und in Rekordzeit reich werden. Mir kommt von meiner eigenen Verwandschaft zu Ohren, dass deren Studium eigentlich keine große Zufriedenheit bringt, oder aber sie dieses ein zweites Mal schmeißen und trotz viel (auch kreativem) Talent einfach nur dröge arbeiten. Mein Cousin, der im letzten Schuljahr ist, gibt bereits von sich, selbstreflektiert und doch sehr fatalistisch, dass er keine Motivation hat, irgendwas zu studieren oder zu arbeiten, weil er weiß, dass seine Eltern sich immer um ihn sorgen werden. Das ist etwas, was ich schon aus Japan kenne: der Hitzetod des Kapitalismus, wenn eigentlich fast maximaler Wohlstand erreicht ist, aber die Jugend keinen Gebrauch davon macht. Meine Mutter konnte auch nicht meine Existenzklagen von vor zwei, drei Jahren, die nicht nur mich, sondern eine ganze Generation plagt, nachvollziehen. Doch auch sie erkennt anhand der familiären Fälle ein Muster, und auch, dass ihr eigener Sohn ebenfalls in diesem Moloch des Sinnlosen steckt. Ich kann dennoch froh sein, auf dem besten Weg eine Ausbildung mit akademischen Grad fertig zu bekommen. Was danach kommt, muss sich erst entscheiden. Auch jetzt noch schließe ich nicht das Unmögliche aus.

Andere Aussagen kommen direkt aus den Reihen meiner Kommilitonen:
"Ich habe das Gefühl, dass mein Leben so langweilig ist."
Wie erschütternd diese Erkenntnis einem die Haut entlang schrammt, und wie großflächig sie dabei eine Schürfwunde bildet. Folgt auf einer langjährige Beziehung als nächster logischer Schritt denn nicht die Heirat?
Sollte man sein Geld neben dem Studium nicht verdienen, um die nächste Reise und leidenschaftliche Projekte zu finanzieren, anstatt Schulden oder einen überteuerten Lifestyle abzubezahlen?
Und was ist mit Europa - gibt uns die derzeitige Situation nicht genug Antrieb, um etwas aktiv verändern zu wollen und ein zerbrechendes europäisches Ideal neue jugendliche Form zu geben und gegen diese ständige unkonstruktive Pöbelei anzufighten? Was ist das Ziel für nächstes Jahr, wo sehe ich mich in fünf weiteren?

Genau darin wird es auch im neuen STAR WARS gehen, davon bin ich überzeugt. Die Alten (Han Solo, Leia Organa, Luke Skywalker) hatten noch keine tiefen Entscheidungskrisen im Leben zu bewältigen, sondern waren sofort bereit, ihr Leben zu opfern: für die Rebellion, für die Freunde, für die Helle Seite der Macht. Es zeichnete sich Enthusiasmus ab. Während die Neuen (Finn, Rey, auch der dunkle Kylo Ren) jeweils unterschiedlich mit einem Leben, das seit ihrer Geburt von Krieg gezeichnet ist, umzugehen versuchen, egal ob es dabei als eine Identitäts-, Moral- oder Glaubenskrise in Erscheinung tritt. So geht es uns auch, erst einmal müssen wir uns ja umbedingt selber finden, aber das meine ich schon so richtig süffisant, weil es so bewusst künstlich in die Länge gezogen und dabei irgendeiner Epicness nachgejagt wird. Umso größer ist da also die Hoffnung auf meiner Seite, dass irgendwie der Schmerz, den dieser existentielle Druck auslöst, durch die Epik der Kunst gelindert werden kann. Oder noch besser: uns als Generation inspiriert.

Was jetzt also? Das Tragische ist doch, dass ich selbst beim Schreiben dieses Textes immer wieder den Sinn dessen hinterfrage. Und trotzdem quäle ich mich hindurch, indem ich jeden Satz, jeden Absatz nach seiner Wahrhaftigkeit und seinem vernünftigen Wert abschätze, revidiere, neu schreibe, wieder abschätze, und wieder ansetze zum revidie...

....egal, ich folge einem inneren Drang, dies hier zu schreiben, und das ist doch allemal spannender, als am Ende nur mit Luft und Leere zu jonglieren.
True story.

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